Corona und dann?

TEIL 2: Was wir aus der Corona-Krise für den Musikunterricht an Musikschulen lernen können und welche Maßnahmen gesetzt werden müssen, um ein erfolgreiches und nachhaltiges Modell für die Zukunft zu schaffen.

Benedikt Plößnig, MA

 

Wie in so vielen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bereichen werden digitale Medien nach der Corona-Krise im Unterricht an Musikschulen mehr denn je präsent sein. Lernmodelle, in denen die Vorteile des computergestützten Lernens mit den Vorteilen des Präsenzunterrichts (Blended Learning) ermöglicht und kombiniert werden können, bringen nicht nur zahlreiche Vorteile mit sich. Was die im vorangegangenen Blog angeführten Beispiele des virtuellen Unterrichts und die Diskussionen jedoch zeigen: Auf den Schutz personenbezogener Daten wurde wenig Wert gelegt. Auch der Urheberrechtsschutz wurde durch das willkürliche Versenden von Audio- und PDF Dateien oft verletzt.

Dabei könnte als Beispiel die Homepage der Musikschule als interner, audiovisueller und autonomer Kommunikationsraum zu Verfügung stehen. Des Weiteren wäre eine dort integrierte, mittels Passwort geschützte Cloud zum Austausch von Noten und Aufnahmen leicht umzusetzen. Außerdem kann eine solche Plattform die Möglichkeit schaffen, darüber Aufgaben im Verwaltungsbereich der Musikschulen abzuwickeln.

Anders als vielfach vermutet, ist aus Sicht der Bildungsarbeit eines Unternehmens das „E-Learning aber weniger eine Produktinnovation als eine organisatorische Innovation“ (Kerres 2018, 494). Die positive und nachhaltige Etablierung einer solchen Plattform hängt daher stark von einer Vernetzung und kollaborativen Zusammenarbeit aller am beteiligten Personen ab (Ahner 2019, 9). Deshalb müssen von den Verantwortlichen zunächst rechtssichere Rahmenbedingungen geschaffen werden. In weiterer Folge soll ein Projektteam mit der Erarbeitung eines attraktiven Blended-Learning Konzepts für die Musikschule beauftragt werden. Abschließend können ProgrammiererInnen mit der digitalen Umsetzung des ausgearbeiteten Konzepts beginnen.

Ein solcher, erster Schritt ist flächendeckend, aber doch autonom und von jeder einzelnen Musikschule notwendig, denn „innerhalb einer Generation könnte die Institution Musikschule zu einem altmodisch, antiquierten Auslaufmodell werden, wenn die nötige Entwicklungsarbeit in Hinblick auf eine intelligente Verzahnung analoger und digitaler Musizierlernwelten verschlafen wird“, so Andreas Doerne (2019, 187) in seinem 2019 erschienen Buch Musikschule neu erfinden.

Die Erstellung einer solchen Plattform alleine reicht aber bei Weitem noch nicht für eine erfolgreiche Implementierung am Musikschulstandort. Digitale Medien sorgen für eine weitreichende Veränderung von Lernprozessen (Kerres 2018, 492). Als herausragendste Veränderung wird von vielen AutorInnen, PhilosophInnen und VordenkerInnen im Bildungsbereich der Wechsel der PädagogInnen, weg vom Wissensvermittler hin zum Coach und Begleiter, genannt (Krebs/Godau 2015, Mahlert 2011, Kerres 2018, Doerne 2019, Liessmann 2019). Demnach übernehmen digitale Medien nicht ausschließlich, aber hauptsächlich die Wissensvermittlung. Dies bedeutet nicht nur, dass für PädagogInnen somit mehr Zeit bleibt, die Lernenden in ihren Lernprozessen zu begleiten. Zusätzlich erweckt es den Eindruck, dass ein Jahrtausend langes, traditionelles Schüler-Meister Prinzip im Bildungsbereich durch die Etablierung der digitalen Medien im Unterricht an Bedeutung verliert.

Ziele und Methoden für den Unterricht jeglicher Art müssen neu definiert werden. Zusätzlich braucht es Entscheidungen, mit welchen Medien und Mitteln wir diese Ziele erreichen und Unterrichtsmethoden der Zukunft gestalten wollen (Liessmann 2019, 07:50-08:30). Bei der Entwicklung neuer, digitaler Konzepte soll unbedingt darauf geachtet werden, dass Methoden nicht als starre Fertigteile benutzt werden. Sie sind der jeweiligen Situation anzupassen, gegebenenfalls abzuwandeln und individuell an die jeweilige Person mit Gespür anzuwenden (Mahlert 2011, 7). Bei der Etablierung und Definition neuer Ziele und Methoden ist zusätzlich zu bedenken, dass sich sie Bedeutsamkeit der Kompetenzen, die vom Lehrenden vermittelt werden müssen, verschieben. Kompetenzen der Teamfähigkeit und der Kommunikationsbereitschaft sowie die digitale Fitness sollen in Zukunft verstärkt vermittelt werden. Außerdem muss die Lehrkraft verstärkt die Innovationsfreude, die dazugehörige Entdeckerlust und Neugier bei den Lernenden wecken (Liessmann 2018, in: Kröll, 2018, 16) Neugier wird vom Philosophen Konrad Paul Liessmann, der sich stark mit der Bildung der Zukunft beschäftigt, überhaupt als zentralstes Motiv für Bildungsprozesse aller Art genannt (Liessmann 2019, 25:50-26:07). Diese Neugier, von und mit digitalen Medien zu arbeiten und sie anschließend in innovative Bildungsprozesse zu wandeln, erfordert zunächst Mut. Zugleich ist es mit einem enormen Arbeitsaufwand verbunden, didaktisch aufbereitete Methoden in den Unterricht erfolgreich zu implementieren. Es darf dabei nicht davon ausgegangen werden, „dass Lernende noch die Lehrenden von sich aus grundsätzlich an neuen Lernformen interessiert sind“ (Kerres 2018, 492). Die Gründe dafür liegen früh in der menschlichen Entwicklung der Lerngewohnheiten und beschreiben „keine grundsätzliche Motivation, diese Gewohnheiten infrage zu stellen und zu verändern“ (Kerres 2018, 493). Gute Produkte, die einen digital unterstützen Unterricht ermöglichen, gibt es ja unzählige. Diese versprechen aber bei Weitem nicht den Erfolg der Erfindung für einen nachhaltigen, musikalischen Bildungsprozess (Kerres 2018, 493). Deshalb ist es zunehmend wichtig, das Unterrichten mit digitalen Medien in Aus- und Weiterbildungen zu thematisieren. Es gilt auch Erfahrungen, welche in der Corona-Zeit gemacht wurden, auszutauschen und gemeinsam an Lösungen für den Musikunterricht der Zukunft zu arbeiten.

 

Mit Sicherheit hat die Corona-Krise viele Türen geöffnet und mögliche (digitale) Barrieren in allen Gesellschaftsschichten in Angriff genommen und teilweise überwunden. Zuvor wurden bereits zahlreiche, digitale Produkte in Form von Apps, Clouds oder anderen digitalen Anwendungen für den Musikschulunterricht entwickelt. Zu viele dieser innovativen Angebote sind in der Vergangenheit bereits gescheitert. Manchmal sind es technische Hürden, die sich bei der Etablierung neuer Konzepte in den Weg stellen. Anderswo werden die datenschutzrechtlichen Richtlinien nicht erfüllt oder es fehlt schlichtweg das für eine erfolgreiche Etablierung nötige, didaktische Konzept zum digitalen Tool. Deshalb ist es jetzt an der Zeit, den Prozess der Einführung einer digitalen Anwendung im Musikschulunterricht als Gesamtes zu betrachten. Eine zukunftstaugliche Integration digitaler Unterrichtsinhalte in den Präsenzunterricht hängt von den strategischen und organisatorischen Rahmenbedingungen ab. Da neue Anforderungen an alle am Unterricht beteiligten Personen gestellt werden, muss in Zukunft vermehrt Bildungsarbeit geleistet werden (Kerres 2018, 492).

 

Corona hat uns in allen Lebensbereichen Grenzen aufgezeigt. Dinge, die uns wichtig waren – wie zum Beispiel Freunde treffen, uneingeschränkte Spaziergänge unternehmen oder eben das gemeinsame Singen und Musizieren – waren plötzlich nicht mehr möglich. Digitale Medien machten diese Einschränkungen erträglicher und boten zumindest virtuelle Kommunikation, welche auch einen Musikschulunterricht möglich machten. Dennoch wird der virtuelle Unterricht das gemeinsame Musizieren und das Vermitteln von Musik nicht ersetzen, sondern bestenfalls ergänzen. Egal wie sehr uns auch die Smartphones der Zukunft mit Virtual und Augmented Reality neue Chancen versprechen und den Unterricht via Youtube noch realitätsnaher präsentieren können, Musik wird auch in Zukunft den sozialen Kontakt und physisch realen Austausch von Informationen brauchen und machen den Beruf des/der MusiklehrerIn mit Sicherheit nicht überflüssig. Liessmann stellt in diesem Zusammenhang ausdrücklich klar: Die nicht digitalisierbaren Tätigkeiten werden in der Zukunft einen bedeutenden Stellenwert in der Gesellschaft einnehmen. Er weist darauf hin, dass selbst die Digitalisierung nicht die Wunderwaffe im Bildungsbereich sein wird und längerfristig die hoch gesteckten Erwartungen vermutlich enttäuschen wird (Liessmann 2018, in: Kröll, 2018, 22).

Beginnen wir daher jetzt, aufbauend auf unserem über Jahrzehnte lang gesammelten organisatorischen sowie künstlerisch-pädagogischen Erfahrungen, Musikschulen der Zukunft mit digitaler Unterstützung zu entwickeln.

 

 

Ahner, Philipp (2019): „E-Learning in Musikschulen. Zwischen Freiräumen, persönlichen Kontakt, anonymen Online-Kursen und inhaltlicher Vorbestimmtheit“, in: musikschule)) direkt 1/2019 [Zusatzheft in Üben & Musizieren 1/2019], S.6-9

 

Doerne, Andreas (2019): Musikschule neu erfinden. Ideen für ein Musizierlernhaus der Zukunft, Schott Mainz

 

Kerres, Michael (2018): Mediendidaktik. Konzeption und Entwicklung digitaler Lernangebote (5. Auflage), De Gruyter Oldenbourg Berlin/Boston:

 

Krebs, Matthias/ Godau, Marc (2015): „Unrichtiger Unterricht. Musiklernen via Youtube“, in MusikForum 2/2015, S.28-31

 

Kröll, Marian (2019): „Ich denke also Bildung“, in: Evo Nova 5/2019, S. 16-22

Liessmann, Konrad Paul (2019): Zwischen Affirmation und Provokation – Bildung der Zukunft, [https://www.youtube.com/watch?v=nQEeugD70nA], zuletzt aufgerufen am 29.4.2020

 

Mahlert, Ulrich (2011): Wege zum Musizieren. Methoden im Instrumental- und Vokalunterricht, Schott Mainz